Jede Aufnahme ist ein eigener Moment, festgehalten zwischen Bestellung und Abschied. Diese geflüsterten Liebesbriefe erzählen von Begegnungen, die nachklingen, und Wahrheiten, die erst im Schutz der Nacht ausgesprochen werden.
An den Mann mit dem roten Schal
Dein Platz neben dem Ofen
Also, ich weiß nicht, ob du dich erinnerst. Dienstagabend, kurz nach neun, der kleine Glühweinstand neben dem alten Karussell. Du hattest diesen roten Schal und hast deine Tasse mit beiden Händen gehalten, als wäre sie das Wärmste auf der ganzen Welt. Ich stand hinter dir und habe mich dreimal dabei ertappt, wie ich auf deine Hände geschaut habe. Du hast mich gefragt, ob ich auch auf den letzten Bus warte. Eine völlig gewöhnliche Frage, und trotzdem habe ich auf dem Heimweg darüber nachgedacht. Ich hätte dich gern gefragt, ob du morgen wiederkommst. Stattdessen habe ich nur gelächelt. Meine Tasse war längst leer, aber ich bin noch zehn Minuten geblieben. Vielleicht stellst du dich morgen wieder an denselben Platz. Ich werde jedenfalls da sein.
Zarte Sehnsucht
Nach Ladenschluss, 23:18 Uhr
Was ich dir nicht geschrieben habe
Hier ist es schon wieder so still. Nur die Lichterkette über dem Stand summt ein bisschen, und irgendwo schiebt jemand eine Kiste über das Pflaster. Ich habe deine Nachricht vor drei Wochen gelesen. Zweimal. Dann habe ich das Handy umgedreht und so getan, als hätte ich nichts gesehen. Dabei wollte ich antworten. Ich wollte schreiben, dass mir unsere Spaziergänge fehlen, deine schiefen Bemerkungen über Weihnachtslieder und sogar die Art, wie du immer den Zimt vom Becherrand gewischt hast. Ich dachte, Schweigen wäre einfacher als zuzugeben, dass ich Angst hatte. Jetzt stehe ich hier mit einer viel zu süßen Tasse und einem Satz, der längst überfällig ist: Es tut mir leid. Nicht für das, was zwischen uns war, sondern dafür, dass ich es nicht gewürdigt habe, solange es da war.
Reue
Für dich, falls du wiederkommst
Ein Blick zu lange
Du hast heute meine Bestellung verwechselt. Zweimal. Erst ohne Alkohol, dann mit Sahne, obwohl ich gar keine Sahne wollte. Ich habe trotzdem gelacht, und du auch. Hinter dir roch es nach gerösteten Mandeln, vor mir drängten sich Leute mit roten Nasen, und für einen winzigen Moment war der ganze Markt nur noch dieser Blick zwischen uns. Ich bin erwachsen genug, um zu wissen, dass Freundlichkeit nicht automatisch ein Versprechen ist. Aber ich habe auch bemerkt, dass du dir meinen Namen gemerkt hast. Und dass du beim Abschied etwas langsamer gesprochen hast. Vielleicht bilde ich mir das ein. Vielleicht auch nicht. Ich werde morgen wiederkommen, diesmal ohne mir vorher eine passende Ausrede zurechtzulegen. Wenn du lächelst, bestelle ich noch eine Tasse. Wenn nicht, trinke ich sie eben allein.
Verlangen
An meine alte Liebe
Der Schnee auf deinem Mantel
Heute habe ich jemanden gesehen, der deinen Gang hatte. Nicht dein Gesicht, nur diese kleine Bewegung mit der rechten Schulter, wenn du durch eine Menschenmenge gehst. Es hat gereicht, um mich mitten auf dem Platz anhalten zu lassen. Weißt du noch, wie wir damals den ersten Schnee verpasst haben, weil wir uns im Gespräch verloren hatten? Der Glühwein war kalt, meine Finger waren rot, und du hast behauptet, du könntest an meiner Stimme hören, wann ich lüge. Ich habe gelacht, weil es stimmte. Wir sind längst woanders angekommen, beide, und ich wünsche dir wirklich ein gutes Leben. Trotzdem wollte ich heute einmal sagen, dass ich unsere Zeit nicht bereue. Nicht einmal die schwierigen Abende. Manche Menschen gehen, aber ihre Wärme bleibt erstaunlich lange in einem zurück.
Wehmut
Für die Frau am Fenster
Ein Geheimnis im Dampf
Ich habe dich zuerst in der Spiegelung der Fensterscheibe gesehen. Du standest drinnen am kleinen Stehtisch, hast deinen Handschuh ausgezogen und mit dem Finger einen Kreis in den beschlagenen Rand gemalt. Ich draußen, mit einer Tasse in der Hand und diesem lächerlichen Wunsch, einfach hineinzugehen. Wir kennen uns seit dem Herbst, aus den Gesprächen nach unseren langen Arbeitstagen. Du weißt, wie ich meinen Kaffee trinke, ich weiß, dass du bei Regen lieber zu Fuß gehst. Aber ich habe dir noch nie gesagt, dass ich manchmal extra einen Umweg nehme, um dich zu treffen. Heute hast du mich durch die Scheibe entdeckt und mit dem Finger auf den freien Platz neben dir gezeigt. Ich bin hineingegangen. Der Rest gehört vielleicht in einen anderen Brief. Nur so viel: Der Tee ist kalt geworden.
Verlockung
Gesprochen um Mitternacht
Die Eifersucht im Becher
Ich wollte eigentlich nur kurz etwas trinken und dann nach Hause. Stattdessen habe ich dich eine halbe Stunde mit ihm reden sehen. Ihr habt gelacht, und ich stand daneben und habe plötzlich jede einzelne Bewegung von dir beobachtet. Das gefällt mir an mir selbst überhaupt nicht. Du schuldest mir nichts, das weiß ich. Wir haben nie gesagt, was wir füreinander sind. Und trotzdem hat es gestochen, als du ihm deinen Schal zurechtgezogen hast. Auf dem Rückweg habe ich mich gefragt, ob ich eifersüchtig auf ihn bin oder auf den Mut, den er hatte, dich einfach anzusprechen. Vielleicht ist es beides. Ich möchte nicht jemand sein, der aus Angst vor einer Antwort lieber Andeutungen sammelt. Beim nächsten Treffen werde ich dich fragen, ob du mit mir einen Abend verbringen möchtest. Ohne Publikum, ohne Ausreden. Eine ehrliche Frage muss doch erlaubt sein.
Ehrlichkeit
An dich, vom Stand am Brunnen
Noch eine letzte Runde
Es ist diese eine Stunde nach zehn, in der der Weihnachtsmarkt langsam müde wird. Die Verkäufer zählen Becher, ein Besen streift über das Kopfsteinpflaster, und die Musik klingt plötzlich ganz weit weg. Genau dann haben wir uns heute verabschiedet. Du hast meine Hand einen Augenblick länger gehalten als nötig. Ich habe es bemerkt, natürlich habe ich es bemerkt. Seit unserem ersten Gespräch am Brunnen trage ich diesen kleinen Moment mit mir herum. Ich mag deine ruhige Art, deine trockenen Witze und dass du nie so tust, als müsstest du irgendwo anders sein. Vielleicht ist das schon ziemlich viel. Ich hätte dich gern geküsst, aber ich wollte den Moment nicht überstürzen. Also habe ich gefragt, ob wir uns nächste Woche wiedersehen. Dein Ja klang schöner als jedes Weihnachtslied hier.
Zärtlichkeit
An mich selbst, 00:07 Uhr
Endlich nicht mehr warten
Das hier ist eigentlich kein Brief an jemanden anderen. Es ist für mich. Ich stehe am Rand des Marktes, die letzte Tasse in der Hand, und sehe zu, wie die Lichter nach und nach ausgehen. Seit Monaten warte ich auf eine Nachricht, eine Entschuldigung, irgendein Zeichen von jemandem, der längst entschieden hat, weiterzugehen. Heute habe ich zufällig unser altes Lied gehört. Früher hätte mich das für den Rest der Nacht aus der Bahn geworfen. Diesmal habe ich nur kurz gelächelt. Ich glaube, ich bin müde geworden vom Warten. Und vielleicht ist das etwas Gutes. Morgen werde ich die Wohnung umstellen, die Blumen auf dem Fensterbrett austauschen und endlich den Tisch kaufen, den ich schon so lange haben wollte. Ich muss nicht wissen, wer irgendwann wieder an meiner Tür klingelt. Ich darf mein Leben auch ohne diese Antwort schön machen.
Aufbruch